Kolumne von M. Seelmann-Eggebert, 17.8.2026
Vor Beginn der parlamentarischen Sommerpause wurde die neueste EEG Novelle vom Kabinett verabschiedet. Dort ist für PV-Anlagen mit Nennleistungen unter 25 kWp vorgesehen, dass die Einspeisevergütung ganz entfällt und stattdessen die Einspeisung über eine Direktvermarktung erfolgen soll. Voraussetzung hierfür ist allerdings ein intelligentes Messsystem (IMSYS).
Jedoch 10 Jahre nach Einführung verfügen lediglich 5% der deutschen Haushalte über ein IMSYS. Deutschland ist damit bez. Smartmeter in Europa abgeschlagenes Schlusslicht. Woran liegt das?
Wir haben das komplizierteste IMSYS-System in Europa. Wer die gesetzliche Grundlage hierzu liest kommt ins Staunen. Grundlage ist das Messstellenbetriebsgesetz, das zur Umsetzung auf die Richtlinie BSI-TR-03109 verweist. Diese Richtlinie wiederum umfasst schlappe 700 Seiten (ohne Anhänge), wovon sich über 600 ausschließlich mit Maßnahmen zum Datenschutz und deren Zertifizierung befassen. Datenschutz ist geboten, denn der Zugriff erfolgt bidirektional über das Internet oder Mobilfunk. Das Ganze soll dem Kunden – gemäß eines eisernen Paradigmas einer freien Marktwirtschaft – ermöglichen, am europäischen Strommarkt teilnehmen zu können, der auf Prognosen basiert.
Im Gegenzug darf der Verteilnetzbetreiber (VNB) wild im individuellen Haushalt des Verbrauchers rumregeln (Abregelung nach §14a ENWG). Bei Bedarf Wärmepumpe aus oder Wallbox runter, ganz so als wären wir unmündige Bürger. Beschweren wir uns dann, ist der VNB verpflichtet, alle Maßnahmen zu ergreifen, dass das nie wieder vorkommt. Im Zweifel löst eine einmalige Abregelung einen umfangreichen Netzausbau aus (ohne Not). Klingt das nach einem guten Plan?
Wir Deutsche waren einmal für unseren Pragmatismus bekannt. Heute scheinen nur noch Lösungen zu taugen, die hinreichend kompliziert sind. Wie wäre es zur Abwechslung mal mit einer einfachen Lösung?
Die Intelligenz und Datensicherheit kommt in das Trafohäuschen, in dem bisher noch die analoge Technik des letzten Jahrtausends überwintert. An diesem Punkt (und nur da!) wird die Prognose Information zum Strompreis und die Echtzeitinformation über
den Netzzustand beiderseits der Trafoschnittstelle gesammelt, aufgearbeitet und in Echtzeit! zur Verfügung gestellt. Diese wird über das Stromnetz selbst z.B. auf der ersten Oberwelle an alle an der Niederspannungsseite angeschlossenen Verbraucher übertragen: ein vereinfachtes Devolo-Prinzip. An Stelle des hochkomplexen IMSYS und der zusätzlichen Steuerbox kommt ein simples Gerät, das keinerlei Ansprüche bezüglich Datensicherheit erfüllen muss. Es werden nämlich ausschließlich unidirektionale Signale benötigt. Der Datenschutz kann sich also vollständig auf das Trafohäuschen konzentrieren.
Das stark vereinfachte Smartmeter bekommt als Daten den aktuellen Strompreis und einen Netzauslastungsparameter. Wird die Netzauslastung kritisch bekommen alle niederspannungsseitigen Verbraucher einen harten Leistungsdeckel, d.h. das Smartmeter limitiert die für den Haushalt verfügbare Leistung. Bei Versuchen mehr Strom zu ziehen, wird die Netzspannung des lokalen Anschlusses entsprechend runtergefahren. Die Leistungsbegrenzung ist nicht fix, sondern sie atmet und passt sich der Netzauslastung an. Dabei ist zu jeder Zeit jedem Haushalt eine Mindestleistung zu garantieren (z.B. 10 kW). Welches seiner Geräte er mit der gerade verfügbaren (und transparent kommunizierten) Leistung betreiben will, bleibt allein dem Verbraucher selbst überlassen. Er übernimmt die Verantwortung für seinen Leistungsbedarf selbst und bleibt dabei sein eigener Herr im Heizungskeller, (was ja in Deutschland von enormer politischer Wichtigkeit ist).
Er kann seine stromfressenden Gerätschaften selber verwalten oder einem elektronischen Hausmanagement überlassen. Das System ist durch die interne Übertragung über das Stromnetz extrem resilient und gut gegen Störungen oder Angriffe von außen geschützt. Ganz anders das IMSYS: es beruht auf Mobilfunk und Internet. Mobilfunksignale lassen sich leicht stören oder abhören, das Internet ist ein Einfallstor für Hacker!
Bleibt nur noch das Problem der Abrechnung. Im Smartmeter ist einfach ein Speicher integriert, der Leistungswerte und Strompreise im Minutentakt abspeichert. Dieser Speicher verfügt neben den Daten zu Bezugszeiten, Bezugsmenge und Bezugspreis auch über eine hinreichende Intelligenz, um die komplette Jahresabrechnung vor Ort vorzunehmen. Die Daten werden zur jährlichen Abrechnung ausgelesen, vielleicht sogar, wie bisher, absolut datensicher durch einen echten Menschen vor Ort. Der Direktvermarkter (sinnvoller der Netzbetreiber) kann dann auf Basis dieser Daten die komplette Jahresabrechnung zu Netzbezug und Einspeisung vornehmen. Ein solches System schützt das Netz und gibt gleichzeitig Anreize, PV-Überschüsse dann einzuspeisen, wenn sie benötigt werden. Bei der gegenwärtigen Verbreitungsge–schwindigkeit unseres deutschen IMSYS könnte es hingegen noch lange dauern, bis diese Dienstleistungen in der Breite verfügbar sein werden. Echtzeit-Reaktionen auslösen können sie trotzdem nicht.
Fazit: Das deutsche IMSYS ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Und: Bevor ein IMSYS
im Haushalt keine Selbstverständlichkeit ist, bedeutet eine gesetzlich vorgeschriebene
Direktvermarktung eine Vollbremsung für den Ausbau von Aufdach-PV-Anlagen.
