August-Ganther-Str.

AGH PE Analyse Sanierung statt Abriss August Ganther Strasse 20241205

Hintergrund:

In der August-Ganther-Straße in Freiburg sollen drei intakte Wohngebäude aus den 1950er Jahren abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden.

Die Gebäude wurden ursprünglich für französische Offiziere und deren Familien errichtet, was ihre vergleichsweise hochwertige bauliche Ausführung erklärt. Auch wenn sie heute nicht mehr in einem perfekten Zustand sind, gilt ihre bauliche Substanz als solide – eine Sanierung ist grundsätzlich möglich und fachlich naheliegend. Diese Einschätzung wird auch durch ein Gutachten des Altbausanierers Willi Sutter und des Ingenieurs Prof. Wilhelm Stahl gestützt. Es kommt zu dem Ergebnis, dass die Gebäude erhalten und durch Sanierung sowie Aufstockung sinnvoll weiterentwickelt werden können.

Die Eigentümerin der Gebäude die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) drängt dennoch auf einen Komplett-Abriss.

Warum der Fall Fragen aufwirft und problematisch ist:

  • Politisch umstritten:
    Gemeinderat, Fachleute, Mieter*innen und ein breites gesellschaftliches Bündnis sprechen sich gegen den Abriss aus. Die BImA hält trotzdem daran fest.
  • Wirtschaftlich fragwürdig:
    Der Neubau kostet nach aktuellen Schätzungen 3-4 Millionen Euro mehr als eine Sanierung – bei gleicher Wohnfläche. Trotzdem stuft die BImA ihn als wirtschaftlicher ein. Die zugrunde liegenden Berechnungen werden trotz mehrfacher Anfragen aus fadenscheinigen Gründen unter Verschluss gehalten.
  • Schlechter für die Umwelt:
    Abriss und Neubau verursachen rund 600-700 Tonnen mehr CO2 – Emissionen sowie etwa 130 Lkw-Ladungen Bauschutt.
  • Rechtlich unsicher:
    Die Kündigungen basieren auf sogenannten Verwertungskündigungen. Diese sind nur zulässig, wenn sich die Gebäude wirtschaftlich nicht sinnvoll erhalten lassen. Die Kündigungen könnten unwirksam sein und das gesamte Projekt vor Gericht scheitern oder jahrelang blockiert werden.
  • Kritik an Angaben der BImA:
    • gegenüber politischen Entscheidungsträger*innen wurde behauptet, es habe eine umfassende ökologische Bewertung stattgefunden. Tatsächlich existiert eine solche Berechnung nicht
    • Der Gebäudezustand wurde falsch dargestellt. So wurde gegenüber dem Bundestag behauptet, die Elektroinstallation stamme noch aus dem Jahr 1953. Tatsächlich wurde diese nachweislich im Jahr 1992 erneuert. 
    • Es wurde behauptet, dass die aktuellen Mieter*innen aktiv Mietminderungen aufgrund von Mängeln durchgesetzt haben. Dies entspricht nicht den Tatsachen.

Kurz gesagt:
Eine Bundesbehörde setzt ein teureres, klimaschädlicheres und rechtlich unsicheres Projekt gegen den breiten Widerstand vor Ort durch und zentrale Entscheidungsgrundlagen sind nicht öffentlich zugänglich.

Verbindung zu Klimaschutz im Bundestag e.V.:

In der August-Ganther-Straße geht es auf den ersten Blick „nur“ um 12 Wohneinheiten. Tatsächlich steht der Fall jedoch exemplarisch für ein größeres Problem: die Entscheidungsprozesse hinter Abriss und Neubau. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) setzt zwar auch sinnvolle Projekte um, doch hier zeigt sich, dass die vorhandenen Prozesse eine systematische Prüfung der Bestandsoption nicht gewährleisten.

Zwischen 2017 und 2021 wurden in Deutschland jährlich im Schnitt rund 17.500 Gebäude abgerissen. Expert*innen gehen davon aus, dass ein erheblicher Teil dieser Abrisse vermeidbar wäre (Otto/Dorn, 2025).

Wenn die BImA und andere öffentliche Akteure weiterhin nach diesem Muster vorgehen, betrifft das nicht nur einzelne Gebäude: Bundesweit könnten so langfristig sehr viele Wohnungen durch Abriss verloren gehen – mit erheblichen Folgen für Klima und Ressourcen. Damit ist die August-Ganther-Straße kein Einzelfall, sondern zeigt, wie wichtig bessere politische Leitplanken für nachhaltige Entscheidungen (ökonomisch, ökologisch und sozial) im Gebäudesektor sind.

Podiumsdiskussion:

Systematisches Vorgehen bei der Bestandsentwicklung vermeidet Konflikte

Eine Studie der Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e.V. Kiel mit dem Titel „Siedlungen der 50er Jahre – Modernisierung oder Abriss?“ beschreibt einen strukturierten Leitfaden für Entscheidungen zwischen Erhalt, Modernisierung und Abriss im Umgang mit bestehender Bausubstanz.

Zentrale Empfehlungen der Studie sind unter anderem:

  • Bauherr*innen sollten frühzeitig alle Handlungsoptionen im Bestand ergebnisoffen prüfen
  • Entscheidungen dürfen nicht voreilig auf Abriss festgelegt werden, sondern müssen mehrstufig und nachvollziehbar abgewogen werden
  • der bauliche und strukturelle Wert bestehender Gebäude ist systematisch in die Bewertung einzubeziehen
  • eine vollständige und transparente Datengrundlage ist Voraussetzung für tragfähige Entscheidungen
  • Mieter*innen und Betroffene sollten frühzeitig in den Entscheidungsprozess einbezogen werden

Die Matrix als Grundmodell: Qualität – Option – Konkretisierung:

Grafik
Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e.V. Kiel (2007): Siedlungen der 50er Jahre – Modernisierung oder Abriss?, S. 98

Die Studie zeigt damit einen klaren Entscheidungsrahmen auf, an dem sich Bauherr*innen orientieren sollten.

Übertragen auf die August-Ganther-Straße wird deutlich: Wären diese Schritte konsequent eingehalten worden, wäre der heutige Konflikt in dieser Form sehr wahrscheinlich nicht entstanden.

Petition gegen den Abriss:

Bereits über 800 Menschen (Stand: April 2026) haben die Petition für den Erhalt der Häuser in der August-Ganther-Straße unterzeichnet. Unterschreiben auch Sie jetzt für den Erhalt der BImA Häuser in Freiburg: