Unser Politischer Referent, Philipp George,hat mit Yanik Wagner (Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der RWTH Aachen) über ein Forschungsprojekt gesprochen, das neue Wege im Umgang mit bestehendem Wohnraum untersucht. Im Zentrum steht das Konzept des Nukleus-Wohnens, das erstmals vom Neubau auf den Bestand übertragen wird – konkret in einem Plattenbau in Leipzig. Dort wird erprobt, wie flexible Grundrisse und gemeinschaftliche Nutzung helfen können, Wohnraum effizienter und anpassungsfähiger zu organisieren – zwischen individueller Rückzugsoption und gemeinschaftlichem Leben.
Philipp George (PG): Sie sprechen in Ihrem Projekt von „Nukleus-Wohnen“. Der Begriff erinnert an andere kollektive Wohnformen wie das Cluster-Wohnen, unterscheidet sich aber offenbar in einem entscheidenden Punkt. Worin besteht dieser Unterschied – und warum ist es Ihnen wichtig eine neue Begrifflichkeit zu prägen?
Yanik Wagner (YW): Der Begriff „Nukleus“ ist tatsächlich sehr bewusst gewählt. Der zentrale Unterschied zum Cluster-Wohnen liegt in der Definition der kleinsten Einheit. Während beim Cluster-Wohnen häufig ein einzelnes Zimmer mit Bad und vielleicht einer kleinen Teeküche den Kern bildet, ist der Nukleus bei uns eine vollständige, eigenständige Wohnung. Das bedeutet: ein Wohnzimmer, eine Küche, ein Bad und ein Schlafzimmer. Diese Einheit ist die „Rückfalloption“ – sie funktioniert unabhängig, ohne dass Gemeinschaft notwendig wäre.
Alles, was darüber hinausgeht, ist flexibel zuschaltbar: zusätzliche Zimmer, gemeinschaftlich genutzte Räume oder erweiterte Flächen. Diese Erweiterungen können hinzugefügt, aber auch wieder reduziert werden. Damit entsteht eine Wohnform, die zwischen Individualität und Gemeinschaft oszilliert, ohne dass eine Seite dauerhaft dominiert. Genau diese Reversibilität – die Möglichkeit, sich jederzeit auf den eigenen Kern zurückzuziehen – unterscheidet das Konzept grundlegend von anderen kollektiven Wohnmodellen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Übertragbarkeit. Während viele innovative Wohnkonzepte im Neubau entstehen, lag unser Fokus von Anfang an darauf, das Prinzip auf den Bestand anzuwenden. Das ist auch das eigentliche Novum unseres Projekts: Wir untersuchen nicht nur, wie man neu bauen könnte, sondern wie bestehende Gebäude transformiert werden können. Der Plattenbau ist dabei ein Untersuchungsfeld – aber keineswegs das einzige, auf das sich das Konzept beschränkt.
PG: Ihr aktuelles Forschungsprojekt findet in einem Plattenbau in Leipzig-Grünau statt. Warum gerade dieser Kontext – und welche Rolle spielt der Plattenbau für Ihre Forschung?
YW: Wichtig ist zunächst zu sagen, dass der Plattenbau nicht unser Ausgangspunkt war, sondern eher eine von mehreren Typologien, die wir untersucht haben. Wir haben uns gefragt: In welchen Bestandsgebäuden lässt sich das Prinzip des Nukleus-Wohnens mit vergleichsweise geringem baulichen Aufwand umsetzen? Dabei haben wir sehr unterschiedliche Typologien betrachtet – vom Berliner Blockrand über Nachkriegsarchitektur bis hin zu Wohnbauten in der Schweiz.
Der Plattenbau hat sich dann aus mehreren Gründen als besonders geeignet erwiesen. Einerseits wegen seiner seriellen Struktur: klare Grundrisse, repetitive Einheiten, eine gewisse Robustheit. Andererseits auch, weil er gesellschaftlich stark aufgeladen ist und zugleich in großer Zahl existiert. Das verleiht ihm einen repräsentativen Charakter, auch wenn wir nicht primär mit statistischen Größen argumentieren, sondern eher aus einer typologischen Perspektive.
Der konkrete Kontext in Leipzig-Grünau ist zudem eng mit der Zusammenarbeit mit der Genossenschaft Lipsia verbunden, der die Gebäude gehören. Ursprünglich war vorgesehen, alle vier Häuser abzureißen. Zwei wurden bereits zurückgebaut, bevor die Strategie überdacht wurde. Die verbleibenden zwei Gebäude dienen nun als Experimentierraum.
Das bedeutet auch: Wir arbeiten mit leergezogenen Häusern. Es gibt keine bestehende Bewohnerschaft, die wir transformieren, sondern wir schaffen bewusst ein Labor. Diese Laborhaftigkeit ist entscheidend für unsere Forschung. Sie erlaubt es uns, Dinge auszuprobieren, ohne unmittelbar unter dem Druck zu stehen, eine sofortige Lösung für den Standort zu liefern.
PG: Inwiefern spielt dabei das Thema Unter- und Überbelegung eine Rolle?
YW: Eine sehr zentrale Rolle. Eine grundlegende These – bewusst zugespitzt formuliert – lautet: Wenn wir den bestehenden Wohnraum bedarfsgerechter verteilen würden, müssten wir deutlich weniger neu bauen.
In vielen Städten beobachten wir parallel zwei Phänomene: Unterbelegung und Überbelegung. Es gibt Haushalte, die in zu großen Wohnungen leben, weil ein Umzug ökonomisch oder organisatorisch nicht attraktiv ist. Gleichzeitig gibt es Menschen, die aus finanziellen Gründen auf zu engem Raum wohnen müssen. Diese Dysbalance ist strukturell bedingt und wird durch den gegenwärtigen Dynamiken auf dem Wohnungsmarkt eher verstärkt als ausgeglichen.
Das Nukleus-Wohnen setzt genau hier an. Durch die flexible Zuschaltbarkeit von Räumen können Wohnflächen dynamisch angepasst werden – ohne dass Menschen ihre Wohnung komplett aufgeben müssen. Ein Paar kann beispielsweise zunächst nur den Nukleus bewohnen und später zusätzliche Räume hinzunehmen, wenn sich die Lebenssituation ändert. Umgekehrt können Räume wieder abgegeben werden, ohne dass ein Umzug notwendig ist.
PG: Können Sie beschreiben, wie eine solche Nutzungseinheit konkret organisiert ist – und wie viele Menschen dort idealerweise leben?
YW: Wir arbeiten mit sogenannten Nutzungseinheiten, die mehrere Nuklei und zusätzliche Individualräume umfassen. Ein Nukleus ist, wie gesagt, eine vollständige Wohnung. Ergänzt wird er durch Räume, die über einen gemeinsamen Flur erschlossen sind und flexibel zugeordnet werden können.
Im ersten Testlauf nutzen wir eine Einheit mit fünf Nuklei und acht zusätzlichen Zimmern. Wir rechnen aktuell mit etwa ca. 15 Personen, die dort gleichzeitig wohnen werden. Die Teilnehmenden sind aufgefordert einmal pro Woche an einer Art WG-Abend teilzunehmen, um organisatorische Fragen des Zusammenlebens zu klären.
Uns interessiert gerade die Vielfalt: Paare, Familien, Einzelpersonen, temporäre Wohnformen. Es kann sein, dass zwei Personen einen Nukleus teilen und zusätzlich ein Zimmer nutzen. Es kann aber auch sein, dass jemand nur ein Einzelzimmer bewohnt und sich Küche oder Bad mit anderen teilt. Oder dass komplexere Familienmodelle entstehen, in denen sich Betreuung und Anwesenheit abwechseln.
Diese Offenheit ist gewollt – aber sie macht das System auch komplex. Daher rührt die Motivation, die entstehenden Dynamiken zu dokumentieren und wissenschaftlich zu untersuchen.
PG: Wo ist das Projekt angesiedelt und wer sind die Kooperationspartner?
YW: Das Projekt ist am „Lehrstuhl für Wohnbau und Grundlagen des Entwerfens“ der RWTH Aachen angesiedelt und wird von dort koordiniert. Ein zentraler Bestandteil sind mehrere Promotionsvorhaben, die sich jeweils mit spezifischen Aspekten des Projekts beschäftigen – etwa Akustik, Küchen, Bäder, Türen oder die Frage der Wohnungsgrenze.
Eine weitere Initiatorin des Projektes ist die Architektin Reem Almannai. Sie war bereits am Neubauprojekt „San Riemo“ in München beteiligt, wo das Nukleus-Prinzip erstmals umgesetzt wurde, und bringt diese Erfahrung nun in die Forschung ein. Zudem unterrichtet sie auch an der Universität Liechtenstein. Ihre Studierenden sind ebenso wie unsere Studierenden an der RWTH Aachen bei der baulichen Umsetzung des Wohndemonstrators mit beteiligt.
PG: Wie gehen Sie methodisch vor, um die sozialen und räumlichen Dynamiken zu erfassen?
YW: Wir bewegen uns methodisch in einem hybriden Feld. Klassische architektonische Forschung allein reicht hier nicht aus. Deshalb arbeiten wir mit einem Mixed-Methods-Ansatz, der qualitative und quantitative Verfahren kombiniert.
Ein Teil der Forschung basiert auf Interviews, Workshops und Beobachtungen. Die Bewohnerinnen und Bewohner sind dabei explizit als Proband*innen eingebunden. Sie nehmen an regelmäßigen Treffen teil, reflektieren ihre Wohnsituation und geben Feedback zu spezifischen Fragestellungen.
Parallel dazu gibt es auch messbare Komponenten – etwa im Bereich der Akustik. Hier arbeiten wir mit Sensorik und naturwissenschaftlichen Methoden, um objektive Daten zu erfassen.
Wichtig ist uns dabei, nicht nur isolierte Aspekte zu betrachten, sondern auch das Gesamtgefühl des Wohnens. Fragen wie „Fühlen Sie sich wohl?“ oder „Wie erleben Sie das Zusammenleben?“ sind genauso relevant wie konkrete Messwerte. Denn letztlich geht es darum zu verstehen, wie räumliche Strukturen soziale Prozesse beeinflussen.
PG: Inwiefern werden Studierende in das Projekt einbezogen?
YW: Die Studierenden sind ein wichtiger Bestandteil des Projekts. Sie sind von Anfang an in den Prozess eingebunden und unterstützen uns in der baulichen und betrieblichen Umsetzung. Das bedeutet, sie arbeiten nicht nur theoretisch an Konzepten, sondern setzen diese auch praktisch um und beobachten anschließend, wie sie sich im Alltag bewähren.
Ein Teil der baulichen Interventionen – insbesondere im Bereich der Ausstattung der Wohnungen – wird von Studierenden mitentwickelt und realisiert. Die Studierenden erleben Architektur nicht als abstrakten Entwurf, sondern als reale Praxis im Bestand – mit allen Konsequenzen, Rückkopplungen und auch Widersprüchen, die daraus entstehen.
PG: Wann würden Sie das Projekt als Erfolg bezeichnen?
YW: Wenn es uns gelingt, eine funktionierende Wohnsituation herzustellen, in der Menschen über längere Zeit gerne zusammenleben und wir daraus belastbare Schlüsse ziehen können, dann ist das ein Erfolg.
Dabei schließen wir Scheitern ausdrücklich mit ein. Wenn Konflikte entstehen, wenn bestimmte Konstellationen nicht funktionieren oder wenn wir nachjustieren müssen – dann sind das keine Misserfolge, sondern wichtige Erkenntnisse.
Langfristig geht es darum, Prinzipien zu entwickeln, die über das konkrete Projekt hinaus wirken. Wenn wir zeigen können, dass das Nukleus-Wohnen im Bestand funktioniert – und unter welchen Bedingungen –, dann haben wir einen Beitrag geleistet, der weit über den Plattenbau in Leipzig hinausreicht.
PG: Herr Wagner ich danke für das Gespräch!
Aktuelle Informationen zu dem Forschungsprojekt finden Sie hier: https://nukleuswohnen.site/
Yanik Wagner Architekt M.A. UdK Berlin Wissenschaftlicher Mitarbeiter RWTH Aachen Lehrstuhl und Institut für Wohnbau und Grundlagen des Entwerfens
Bildnachweis: Nina Vollbracht

